“Wenn der Wind weht”: Interview mit Yaron Barlev von Blade Kiteboarding

“Wenn der Wind weht”: Interview mit Yaron Barlev von Blade Kiteboarding

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Der Bus Nummer 852 fährt durch die Straßen von Tel Aviv, nimmt den Weg auf die Autobahn und zuckelt vorbei an Tel Avivs Tech-Zentrum “Silicon Wadi”, mit den Firmenzentralen von Microsoft, SAP, IBM und Google. Je länger die Fahrt dauert, desto kleiner werden die Orte, die am Fenster vorbeiziehen. Nach 40 Minuten öffnet sich die Tür mit einem Zischen und man ist am Ziel: In Beit Yanai, einem 100-Seelen-Dorf rund 40 Kilometer nördlich von Tel Aviv und dem Hauptsitz von “Blade Kiteboarding”.

Yaron Barlev, der Gründer und Chef der israelischen Kite-Marke Blade wohnt hier mit seiner Frau, den drei Kindern und seinem Golden Retriever “Libby”. Sein Büro ist kein heller Glasbunker wie das von Raphael Salles in Montpellier und keine große Fabrikhalle mit Showroom wie bei Roberto Ricci in Grosseto. Auch kein Haus mit vielen Räumen für zahlreiche Angestellte wie bei Till Eberle vor den Toren Münchens. Barlevs Büro ist ein kleiner Bungalow mit zwei Räumen und liegt direkt neben seinem Haus. Das Besondere liegt nicht darin, sondern davor: Auf einer malerischen Steilküste gelegen, sind es vom Gartenzaun bis zum Meer nur wenige Meter. Yaron steht gerne dort oben und lässt seinen Blick kilometerweit in die Ferne schweifen, zu seinen Füßen liegt einer der besten Kitespots Israels, den er oft ganz für sich allein hat. Ein paar hundert Meter weiter am Beit Yanai Pier sieht man Kitesurfer ihre Bahnen ziehen. Ein Blick in den Himmel verrät: Sie fahren hier Blade, aber auch North, Best und Slingshot, RRD und Cabrinha. Eine bunte Mischung aller Kitemarken ist vertreten. Blade ist nicht die Nummer 1 in Israel, das ist Weltmarktführer North Kiteboarding. Es gibt also noch viel zu tun für Yaron.

Als er zurück zu seinem Büro geht, flattert seine Jacke über dem Blade-Shirt und der Wind bewegt seine kurzen Locken, sein Spitzname “Rasta” kommt aus einer anderen Zeit. Barlev und seine Frau sind Kitepioniere in Israel, sie waren mit die ersten, die diesen Sport ins “gelobte Land” brachten. Und nur fünf Jahre nach seiner ersten Kitesession gründete Barlev im Jahr 2005 die erste und einzige israelische Kitemarke. Zu Beginn war Blade vor allem für seine günstigen Preise bekannt, doch seit den Anfängen hat sich viel getan. Heute setzt die Marke neue Marketing- und Design-Standards in der Kitewelt, produziert Teile für große Marken wie Liquidforce und kreiert spezifische Kites für anspruchsvolle Rider. In Deutschland ist Blade trotzdem noch eine große Unbekannte.

Yaron Barlev in his office

In Deutschland ist die Kitemarke Blade noch relativ unbekannt. Was zeichnet Blade aus?

Wir sind keine Kitemarke, die bequeme Kites für Jedermann macht. Wenn man das mit Autos vergleicht, versuchen viele Kitemarken komfortable Mercedes-Benz zu sein – wir sind eher ein Offroader mit Vierradantrieb. Wir glauben nicht, dass ein Kite, der jedem gefällt, die beste Performance erzielen kann. Unsere Kites sind für sehr spezifische Rider mit ganz speziellen Bedürfnissen ausgelegt. Ein gutes Beispiel ist das Leading Edge: Hat man ein sehr breites Leading Edge, ist die Form des Kites sehr stabil, das ist natürlich komfortabel. Aber in puncto Performance verliert der Kite dadurch deutlich, genau deshalb ist unser Leading Edge deutlich dünner als bei den meisten anderen Marken.
Wir versuchen unser Kite-Design immer ans Limit zu bringen. Dass die Kunden das honorieren, sieht man zum Beispiel an unserem Erfolg mit der Fat Lady, unserem Leichtwindkite. Dieser kann in seiner Performance überzeugen, weil er trotz seiner Größe extrem schnell ist. Ansonsten haben wir noch einen Allround-Kite, den Trigger, der eine gute Hangtime hat und auch in der Welle eingesetzt werden kann, weil er sehr schnell ist. Der Skinny Boy ist ein spezieller Wave-Kite, der High Score ist für Freestyle ausgelegt. Bald kommt auch ein Old School-Kite auf den Markt, den wir zusammen mit Mark Shinn entwickelt haben.

Eure Kunden müssen also genau wissen was sie wollen?

Nicht unbedingt. Es gibt auch Anfänger, die richtig viel Spaß mit unseren Kites haben und andere eben nicht. Das kommt weniger auf das Level des Fahrers an, sondern auf die Einstellung: Will ich einen komfortablen Kite oder will ich einen mit hoher Performance?

Wie kam es zur Gründung von Blade?

Ich studierte gerade im letzten Semester Computerwissenschaften am Technion in Haifa, einer renommierten technischen Universität in Israel. Das einzige was mein Studium mit dem Kiten zu tun hatte war, dass ich mit beidem im September 2000 begonnen hatte. Von Anfang an war ich kitesüchtig und bin es übrigens immernoch. In Israel gab es damals keinen einzigen Repairshop für Kites. Also habe ich diese Marktlücke genutzt und habe einen kleinen Repairshop in Jaffa aufgemacht. Jedes Wochenende bin ich die 100 Kilometer von Haifa nach Jaffa gefahren, auf dem Weg habe ich die kaputten Kites eingesammelt und auf dem Rückweg habe ich sie wieder zurückgebracht. Damit konnte ich mir mein Studium finanzieren. Irgendwann wurde eine israelische Paragliding-Firma auf mich aufmerksam, die in den Kitemarkt einsteigen wollte – wie auch die Paragliding-Unternehmen Ozone, Flysurfer oder Advance zur gleichen Zeit.

Aufgrund meines technischen Studiums und meiner Erfahrung bei der Kitereparatur sollte ich ihnen helfen, eine Kitelinie zu entwickeln. Diese Herausforderung nahm ich gerne an und nach etwa einem Jahr Arbeit hatten wir ein großartiges Produkt. Kurz vor dem Start der ersten Produktion wurde dem Besitzer klar, dass Kitesurfen viel mehr mit Marketing und Image zu tun hat als Paragliding. Man muss jede Menge Geld ins Branding investieren. Das ist bei Paraglides anders, kaum jemanden interessiert wie die Schirme aussehen, welches Muster oder welches Image sie haben. Ich glaubte an das Produkt, das ich geschaffen hatte, also machte ich mich auf die Suche nach Investoren und konnte im Jahr 2005 das Unternehmen gründen. Damals war ich im letzten Semester meines Studiums. Statt zu lernen, suchten meine Kommilitonen und ich wochenlang nach guten Namen für meine Kitemarke. Jeder machte Vorschläge. Irgendwann, nach ungefähr 1.000 Vorschlägen und Ideen, hörte ich den Vorschlag “Blade”. Und das war es. Blade – das passt perfekt und ich liebe den Klang dieses Wortes. Wie ein Messer sind unsere Kites scharf und präzise.

Du kitest seit 15 Jahren, kannst du dich noch immer dafür begeistern oder ist es heute eher Teil deines Jobs?

Sein Teamfahrer Nir Nehoray fällt ihm ins Wort: Ich kann dazu eine Geschichte erzählen. Vor zwei Tagen waren die Bedingungen richtig mies: Es war wahnsinnig kalt, der Wind war sehr böig, es regnete – niemand war am Strand, geschweige denn im Wasser. Ich sagte zu Yaron: Hör mal, lass uns heimgehen, das ist heute nicht unser Tag. Aber Yaron schüttelte nur den Kopf, nahm den 6er Skinny Boy, ging mit dem Twintip ins Wasser und lieferte eine riesen Show ab, er hatte richtig Spaß. Als er rauskam, war er voller Adrenalin.
Ich sprach am Strand mit Yotam, einem anderen Teamrider und wir fragten uns: Wie macht Yaron das? Wie geht es, dass er nach so vielen Jahren immer noch so begeistert davon ist? Ich selbst habe natürlich eine große Leidenschaft für das Kitesurfen, aber nicht so wie Yaron. Ich kenne wenige Kitesurfer, die so viel Leidenschaft für den Sport haben, vor allem nach so vielen Jahren.Yaron schaltet sich ein und sagt: Wenn ich diese Leidenschaft eines Tages nicht mehr haben sollte, muss ich mir einen anderen Job suchen. Für mich ist das die Grundvoraussetzung, um gute Kites zu bauen.

Blade setzt Standards in puncto Marketing. Worauf legt ihr dabei wert?

In den Kitemagazinen sieht man üblicherweise Werbung, die immer gleich aussieht. Ein Action-Shot, vielleicht ein Bild von dem Kite oder Board und das wars. Wir gehen das Thema optisch ganz anders an. Wenn wir einen Kite bewerben, brauchen wir dafür keinen Action-Shot. Es muss auch nicht unbedingt ein Kite im Bild sein. Wir arbeiten mit dem Überraschungseffekt und mit jeder Menge Humor. Das kommt auch bei den Lesern gut an. Aber auch das optische Design unserer Kites ist uns sehr wichtig.

Als einzige Kitemarke weltweit habt ihr auch einen Kite für Kinder – hat dein 7-jähriger Sohn etwas damit zu tun?

Zum Teil ist dieser Kite natürlich auch für meine Kinder. Ich würde mich freuen, wenn sie kitesurfen würden. Mein Größter, der 7-Jährige, übt schon häufig mit unserem Trainer-Kite “New Guy”, aber er mag Fußball momentan lieber.

Marketing und Image sind für Blade sehr wichtig, wieviel Marketing steckt im Film “When the wind blows” – einem der meistgesehenen Kitemovies überhaupt?

Dieser Film vertritt wirklich die Idee und das Gefühl, die hinter Blade stecken. Ganz oft ist es bei mir so, dass ich Dinge, die ich vor vielen Jahren gemacht habe im Nachhinein schrecklich finde und mir denke: Was habe ich mir dabei nur gedacht? Dieser Film ist anders. Selbst heute bekomme ich noch eine Gänsehaut bei “When the wind blows”, ich finde ihn immer noch gut. Dieser Film gibt wirklich unsere Philosophie wieder und hat nichts mit Marketing zu tun – erst danach begann ich wirklich zu verstehen, wie wichtig Marketing ist. Am Anfang dachte ich es reicht, ein gutes Produkt herzustellen und der Rest ergibt sich von selbst. Damals war ich 28 – mittlerweile habe ich mehr Erfahrung. Ein hervorragendes Produkt alleine reicht nicht, die Leute müssen natürlich auch wissen, dass es dieses Produkt gibt. Genau deshalb hat Marketing mittlerweile einen hohen Stellenwert für mich. Entscheidend war dabei ein guter Freund von mir,  Yaniv Turgeman, der mir erklärte, wie Marketing funktioniert und der mir ehrlich ins Gesicht sagte, dass das Design meiner Kites einfach Mist ist. Ich stellte ihn and und wir begannen alles neu aufzurollen. Jeden Sonntag trafen wir uns für zwölf oder 15 Stunden, Ewigkeiten, in denen alles besprochen wurde. Ganz deutlich zeigte sich das mit dem Katalog des Jahres 2011 und dem Design auf den Kites, die sich von den vorherigen sehr stark abheben. Er blieb knapp drei Jahre bei Blade, eine Zeit in der wir viel vorantreiben konnten und in der wir gute Designer fanden, die auch heute noch für uns arbeiten.

Wie beeinflusst dich die angespannte Lage in Israel privat?

Normalerweise ist es sehr ruhig in Israel, ganz anders als die Medien das darstellen. Ich habe mich lange sicher gefühlt. Doch wenn man Kinder hat, ändert sich alles. Wir versuchen, unsere Kinder nicht in Angst aufwachsen zu lassen. Als 2014 immer wieder der Bombenalarm losging, habe ich versucht daraus ein Spiel zu machen: Mein Großer und ich haben am Himmel die vorbeiziehenden Raketen beobachtet – man sieht ihren Schweif, fast wie bei Sternschnuppen – und wir haben eine Art Abenteuer daraus gemacht. Dabei bin ich jedoch in einer privilegierten Situation, denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete bei uns einschlägt ist sehr gering. Heute ist es wieder sehr ruhig in Israel, so wie vor dem Gaza-Konflikt 2014, und wir können ein normales Leben führen.

Ist es dir wichtig, dass deine Team-Rider Wettkämpfe gewinnen?

Mir ist es komplett egal, ob jemand Wettkämpfe gewinnt oder ob er bei der VWKC (ehemals PKRA) mitfährt. Vom Marketing-Gesichtspunkt ist es generell uninteressant, sofern der Fahrer nicht einen der ersten drei Plätze der Tour belegt. Ich finde es sehr wichtig, ob ein Fahrer ein guter Botschafter meiner Marke ist. Jeder in unserem Team ist einfach nett, lustig und ein guter Mensch. Das klingt in der heutigen Zeit komisch, ist mir aber das Wichtigste. Alle sind Top-Rider, aber niemand bildet sich etwas auf sein Fahrkönnen ein, niemand ist arrogant, alle sind einfach nett und repräsentieren die Marke gut.

Wichtig ist auch, dass sie einen guten Lifestyle haben und coole Videos machen. Manche unserer Fahrer werden anhand der Klicks auf ihre Videos und anhand der Veröffentlichungen in Magazinen bezahlt.

Wo siehst du dich und die Marke Blade in Zukunft?

Mit Blade möchte weiter diese spezialisierten Kites herstellen, die ganz spezielle Bedürfnisse bedienen. Für mich persönlich wünsche ich mir, meine Leidenschaft für diesen Sport noch viele Jahre behalten zu können. Wenn sich die Baumwipfel bewegen und der Wind durch die Blätter rauscht möchte ich, dass meine Kinder auch in vielen Jahren noch sagen: Hey Papa, es ist windig, gehst du jetzt kitesurfen?

 

 

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