WOO ist der Aufsteiger der Kitebranche. Das 2013 gegründete Unternehmen konnte bis heute 4,5 Millionen US Dollar an Investorengeldern einsammeln und ist im Kite-Markt mittlerweile fest etabliert – das alles mit einem nur vier Zentimeter kleinem Gerät. Es wird direkt aufs Board montiert und misst die Sprunghöhe mittels einer sogenannten inertialen Messeinheit, eine Technik, die auch in der Navigation von Raketen, Schiffen und U-Booten zur Verwendung kommt. Via Bluetooth verbindet sich das Gerät nach der Session mit dem Smartphone, die Sprünge können über eine App gespeichert und mit einer immer größer werdenden Community geteilt werden. Beim Red Bull King of the Air in Südafrika war WOO in diesem Jahr schon zum zweiten Mal in Folge das offizielle Messgerät für die Sprunghöhe. Für den deutschen Firmengründer und CEO Leo König ist das erst der Anfang. Kiten ohne WOO ist für ihn wie Fußball ohne Tore.

Der höchste Sprung von Leo König, dem Gründer von Woo, liegt bei 18,5 Metern.
Der höchste Sprung von Leo König, dem Gründer von Woo, liegt bei 18,5 Metern.

Viele Kitesurfer scheinen das ähnlich zu sehen, denn verkauft wird das Gerät bereits in über 40 Länder, mit geloggten Sessions in über 115 Ländern. „Jetzt kann ich endlich sehen, wie hoch ich wirklich springe, statt nur damit anzugeben”, sagt der Profi-Kiter Nick Jacobsen über den Höhenmesser. Nick ist zusammen mit Lewis Crathern Botschafter der Marke. Neun Festangestellte hat das Unternehmen derzeit, sie kommen aus Frankreich, Holland, Spanien, Venezuela, Simbabwe, Südafrika und den USA. „Unser Team ist sehr divers, die Weltoffenheit macht viel von unserer Firmenkultur aus“, erklärt der CEO, der ursprünglich aus Wiesbaden stammt und an der TU Darmstadt Maschinenbau studiert hat. „Wir sind passionierte Kitesurfer, von Herzen.“ Wenn Wind ist, werden Meetings abgesagt und alle gehen aufs Wasser. „Meinen Mitgründer Ytzen und meine Mitarbeiter Patrick, Kirk, Tyler und Eric habe ich beispielsweise am Strand kennengelernt“, erzählt der 35-jährige Ingenieur.

sensor
Der kleine Sensor misst Sprunghöhe, Hangtime und G-Kraft.

Das Kiten gehört bei WOO zur Firmenphilosophie: Wer es nicht kann, ist vertraglich verpflichtet, es zu lernen. Als Chef ist er davon überzeugt, dass das auch einen unternehmerischen Nutzen hat: „Man kriegt den Kopf frei und kann neue Energie tanken, wenn man auf dem Wasser ist. Zurück im Büro ist man viel leistungsfähiger.“ Aber es geht nicht nur um Spaß, das Produkt muss dauernd getestet werden. In normalen Firmen ergreifen die Mitarbeiter die Flucht, wenn es ums Testen geht. „Bei uns melden sich die Leute freiwillig“, lacht Leo. Er ist selbst vom WOO-Virus infiziert, das die Leute anspornt, immer höher und höher zu springen und sich mit anderen zu messen. Auch Büro-intern gibt es in dem Unternehmen mit Sitz in Boston Wettbewerbe. Der höchste Sprung des Chefs liegt bei 18,5 Metern, doch bei WOO reicht das nicht für den ersten Platz. „Unser technischer Leiter Patrick ist immer höher. Es ist bei uns schon so weit, dass man sich als Gewinner wähnen kann, wenn man am nächsten an einen von Patricks 20-Meter-Sprüngen herankommt.

Doch der vermeintliche Traumjob ist oft anstrengend, ein Mitgründer hat das Unternehmen wegen des anhaltenden Stresslevels bereits verlassen. Immer wieder machen dem Start-up auch technische Probleme zu schaffen. Sessions gehen verloren oder die Hardware streikt.

Im Interview verrät Leo, warum er Richard Branson nicht als Investoren gewinnen konnte, erklärt die Technik, die hinter der WOO steckt und stellt sich der Kritik zu technischen Problemen mit dem Gerät.

Mal ehrlich: Hast du das Unternehmen gegründet, um Kitesurfen zu deinem Beruf zu machen?

Ja und nein. Schon immer wollte ich mein eigenes Ding machen und etwas aufbauen, in dem ich einen Sinn sehe. Ich möchte mein Leben nicht an eine große Firma verschenken. Ich habe nie wirklich in das Schulsystem gepasst und war immer der mit den schlechten Betragensnoten. In einer großen Firma zu arbeiten, in der man nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist und sich mit 60 zu fragen, was man eigentlich gemacht hat – das war nie mein Ding. Ich hatte bei Volkswagen ein sehr gutes Jobangebot, meine Familie schüttelte nur mit dem Kopf als ich ablehnte, um mein eigenes Kiteboarding-Business aufzubauen.

Ich glaube diese Risikobereitschaft ist eine Sache, die man auch durchs Kiten und das damit verbundene Reisen lernt. Man geht mit einer anderen Einstellung an die Dinge heran. Ich habe mir gesagt: ich probiere das einfach, schlimmstenfalls geht’s in die Hose, aber selbst wenn – das Leben geht weiter. Das Kiten war auf jeden Fall eine Inspiration für diese Herzensentscheidung. Es ist ein Traumjob, doch ein Start-up ist auch mit viel harter Arbeit verbunden. Ich bin täglich etwa elf Stunden im Büro und mache mir auch zuhause noch Gedanken über das Produkt und grüble über neue Ideen nach. Urlaub und Wochenenden gibt es nicht. Ich reise zwar, doch die Arbeit nehme ich überall hin mit.

Jahrelang waren wir einfach auf dem Wasser, haben neue Tricks gelernt und hatten Spaß. Für was brauchen Kitesurfer jetzt eine WOO?

Stell dir vor du bist ein Fußballspieler. Du gehst auf den Bolzplatz, aber da stehen keine Tore, es gibt keinen Schiedsrichter, es gibt keine Liga, keine Champions League. Fußball wäre einfach nur gegen den Ball zu treten. Das wäre langweilig. Kitesurfen ist eine geniale Sportart, aber sie ist momentan an genau diesem Punkt. Du kannst im Kiten an keinen Turnieren teilnehmen, du machst es einfach, weil es dir Spaß macht. Mit der WOO kommt ein Wettbewerbs-Element dazu, es wird dadurch deutlich spannender und bringt unheimlich viel Spaß.  Man kann sich über die App mit seinen Kumpels vergleichen oder Wetten abschließen: Wer den höchsten Sprung hat, bekommt ein Bier gezahlt. Oder wer die wenigsten Sprünge hat, muss den anderen ein Essen ausgeben. Es gibt tausend Möglichkeiten. Das bringt ein neues, spielerisches Wettbewerbs-Element in den Sport und macht einfach unheimlich viel Spaß. Das, was viele Sportarten so interessant macht –sowohl für Teilnehmer, als auch für Zuschauer und Fans – kommt damit ins Kiteboarden.

Du hast einmal gesagt, dass WOO eine Software-Firma ist. Kannst du das genauer erklären?

Der Kern unserer Firma ist es Actionsport – also beispielsweise Kitesurfen – mit Elementen aus Computerspielen zu verknüpfen. Das, was Computerspieler so interessant und uns so süchtig danach macht, ist doch oft das Wettbewerbs-Element. In ein paar Jahren wollen wir sagen können: Wir haben es geschafft, dass Menschen beispielsweise weniger Zeit vor ihren Bildschirmen verbringen und stattdessen ihre Spiele auf dem Skateboard, BMX-Bike oder eben beim Kitesurfen spielen. In der echten Welt. Das ausschlaggebende ist die Community. Wenn du alleine wärst, wüsstest du zwar die Höhe deines Sprungs, aber das Spaßelement würde fehlen. Wenn du am Ende des Tages weißt, wie du an deinem Spot abgeschnitten hast oder vielleicht sogar ins landesweite Leaderboard kommst, ist das doch viel spannender. Das alles basiert letztlich auf Software – deshalb sehen wir uns als Software-Firma. Die Hardware brauchen wir lediglich, um das messen zu können, was wir messen wollen, aber selbst in dem Gerät sind es die Algorithmen, die den Unterschied machen.

Irgendwann haben vielleicht alle Kitesurfer eine WOO. Wie geht es dann weiter? Was sind eure Ziele für die nächsten Jahre?

session woo detailsUnser Geschäftsmodell war von Anfang an als eine Plattform gedacht. Diese Plattform haben wir jetzt aufgebaut, wir haben das Gerät, die App und vieles mehr. Wir sind alle selbst passionierte Kiteboarder und in dem Sport haben wir noch unheimlich viel Arbeit vor uns. Die WOO kann aber aber auch für viele andere Sportarten verwendet werden. Die nächste Sportart, die wir angehen werden ist Wakeboarden. Wir entwickeln dafür eine Technologie, die Tricks anhand der Rotationsmuster erkennt. Damit sind wir schon relativ weit und werden uns in absehbarer Zukunft in diesen Markt bewegen. Der Masterplan ist es, diese Technologie irgendwann zurück in den Kite-Bereich zu bringen, allerdings ist das relativ schwierig, denn der Kitezug ist nicht konsistent. Im Wakeboarden hingegen hat man immer die gleiche Geschwindigkeit und den gleichen Seilwinkel. Im Kite-Bereich wird es daher etwas schwieriger umzusetzen sein, aber diese Idee wollen wir auf jeden Fall angehen.

Du kommst ursprünglich aus Deutschland. Ist die WOO auch „Made in Germany“?

Die Rohmaterialien werden aus verschiedenen Teilen der Welt geliefert. Die finale Montage ist momentan in Boston, etwa eine halbe Meile von unserem Firmensitz entfernt. Dort wird alles zusammengesetzt, die Software auf das Gerät geladen und die Kalibrierung durchgeführt, um sicherzustellen, dass alle Geräte gleich messen. Von dort aus wird die WOO verpackt und in alle Welt verschickt.

Warum muss die WOO auf dem Brett angebracht werden?

Wenn wir beispielsweise den Unterschied erkennen wollen, ob der Kiter über eine Welle fährt oder ob er springt, dann brauchen wir die Vibrationssignale im Brett. Wenn das Brett auf dem Wasser ist, ist da sehr viel Rauschen, man nennt das Frequenzschwingungen. Wenn der Kiter hingegen in der Luft ist, ist das Signal sehr glatt. Deshalb wissen wir, ob ein Rider gerade über eine Welle gefahren ist oder ob das ein Sprung war.

Wie wird der Sprung genau gemessen?

Die WOO bedient sich einer inertialen Messeinheit, auch inertial measurement unit (kurz: IMU) genannt. Diese hat prinzipiell neun Achsen, jeweils drei im Accelerometer, im Gyroskop und im Magnetometer – technisch gesehen gibt es keine neun Achsen, aber umgangssprachlich wird es so beschrieben. Das Accelerometer ist ein Beschleunigungssensor, das Gyroskop ein digitaler Kreisstabilisator, der die Drehgeschwindigkeit um die eigene Achse misst. Das Magnetometer ist ein digitaler Kompass, er misst die Orientierung im Raum. Was wir hauptsächlich verwenden sind das Accelerometer und das Gyroskop. Das Magnetometer eher weniger, da es viele magnetische Fehlerquellen gibt, die dieses Signal verfälschen können. Wir rechnen im Prinzip also nur mit sechs Achsen, damit können wir zu jeder Zeit die die Orientierung des Gerätes bestimmen. Wir wissen genau, wie es relativ zum globalen Koordinatensystem orientiert ist und können die Beschleunigung des Gerätes daher immer auf globale Koordinaten umrechnen. Das heißt, wir kennen zu jedem Zeitpunkt die vertikale Beschleunigung. Im Grunde ist das einfach eine Berechnung. Kennt man die Beschleunigung kann man die Höhe ausrechnen, indem man sie mathematisch zweimal integriert. Einmal integriert ergibt die Geschwindigkeit, zweimal integriert ergibt die Strecke. Das machen wir zwischen Absprung und Landung und damit kommen wir auf eine Trajektion und bestimmen so die Sprunghöhe. Wichtig dafür ist eine genaue Bestimmung des Absprung- und Landepunktes. Das Ganze ist noch etwas komplizierter, denn zusätzlich führen wir noch eine Fehlerkorrektur durch, aber im Grunde ist das der Ablauf. Gemessen wird auf zehn Zentimeter genau.

Wenn ich also eine drei Meter Welle anfahre, beginnt die Messung am obersten Punkt, dort wo ich abspringe?

Nein, in diesem Fall beginnt die Messung am Fuß der Welle, die Welle wird zum Sprung dazugerechnet. Das Problem lösen wir über die Fehlerkorrektur. Im Algorithmus verschieben wir den Absprungpunkt manchmal nach vorne oder hinten. Wenn das Signal uns beispielsweise mitteilt, dass du vor dem Sprung drei Meter nach oben gefahren bist, dann wird das noch in den Sprung mit einbezogen. Ein Sprung wird mehrmals durchgerechnet und wir kommen dann zur bestmöglichen Lösung. Die Quintessenz, die man sich merken kann ist:

Wellen bringen Höhe!

Wie stellt ihr sicher, dass die gemessene Höhe wirklich der realen Höhe entspricht?

Die einzige Möglichkeit das zu überprüfen ist mittels Optik. Wir haben aus PVC-Rohren in Cape Cod in Boston einen Turm in Schilfinseln gebaut. Über den Turm sind wir gesprungen und haben aus weiter Ferne mit einem Teleobjektiv ein Referenzfoto gemacht. So konnten wir die reale Höhe optisch sehr genau bestimmen und mit dem Gerät vergleichen. Mittlerweile haben wir auch einige Referenzobjekte an bestimmten Kitespots, beispielsweise Leuchttürme. Man kann fast die Pixel zählen und die Höhe so sehr genau referenzieren.Jesse Richman hat sowohl die Xensr als auch die WOO auf seinem Board.

Der gleiche Sprung von Jesse war bei eurem Konkurrenten Xensr 1,20 Meter höher als bei der WOO-Messung. Wie kannst du das erklären?

Ich kann nicht sagen, warum Xensr höher misst. Ich kenne ihren Algorithmus nicht und ich kenne ihr Gerät nicht. Was wir aber wissen ist, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben: Wir messen so genau es geht. Wir wissen auch, dass wir unser Leben einfacher machen könnten, wenn wir zu jedem Sprung 20 oder 30 Prozent hinzuaddieren würden. Dann hätten wir weniger Beschwerden. Aber wir wollen das Ergebnis nicht künstlich verfälschen, damit sich die Leute besser fühlen, das wäre einfach nicht richtig.

Es gibt also viele Beschwerden über die Sprunghöhe?

(Lacht) Am Anfang hatten wir damit sehr viele Probleme, auch weil wir noch keine Reputation hatten. Aber mittlerweile hat sich die Kitewelt daran gewöhnt.Ich glaube jeder Kiter legt sich über die Jahre hinweg ein eigenes Referenzmuster zu, von dem er überzeugt ist. Zum Beispiel: Ich habe das Dach von diesem Haus gesehen, das muss mindestens so und so hoch gewesen sein. Ich kenne das von mir selbst. Es geht bestimmt 95 Prozent unserer Kunden so. Aber wenn man am Strand mal auf einen Kite mit 20 Meter Leinen schaut, der auf zwölf Uhr steht, dann sieht man doch, dass das verdammt hoch ist.  Oder wenn man sich an die Aussicht und den Bammel vom Fünf-Meter-Turm im Freibad erinnert, selbst das sieht erschreckend hoch aus.

Leider gibt es auch Probleme mit der WOO. Beispielsweise können Sessions manchmal nicht heruntergeladen werden oder das Gerät lässt sich nicht mehr einschalten. Was tut ihr dagegen?

Wir haben definitiv Probleme mit der WOO gehabt und wir werden auch in Zukunft sicherlich Probleme haben, das ist die Realität, mit der jeder Hersteller umgehen muss. Daran arbeiten wir hart und wir versuchen alles, um das zu verbessern. Wir wollen das Gerät Schritt für Schritt so stabil wie möglich machen. Aber es ist ein hochelektronisches Gerät, das Salzwasser, Sand und Sonne abbekommt und natürlich auch den ein oder anderen Einschlag. Probleme wird es leider immer geben, aber wir tun was wir können um sie zu vermeiden, und wenn es passiert tun wir alles Mögliche, um den Kunden schnellstmöglich wieder mit einer WOO auf’s Wasser zu bekommen. Es ärgert uns mindestens genauso, wenn ein Rider wegen einem defekten WOO eine Session nicht aufzeichnen konnte.

Wie entstehen die Probleme?

Es sind menschliche Dinge. Beispielsweise kommt es vor, dass ein Mitarbeiter in der Herstellung am Freitagnachmittag einen Schritt vergisst und es plötzlich Probleme mit der Software gibt. Dann kann vielleicht eine Session nicht heruntergeladen werden. Unsere Firmenphilosophie in puncto Hardware ist es, alles sofort auszutauschen. Wir nehmen die Geräte innerhalb der einjährigen Garantiezeit anstandslos zurück und der Kunde erhält ein neues. Das Wichtigste für uns ist, dass die Kunden zufrieden sind und wieder Spaß haben können. Das Ärgerliche daran ist leider meistens, dass eine Session verloren gegangen ist und uns jemand schreibt: „Mist, ich glaube das war heute mein höchster Sprung, ich hatte einen richtig guten Tag!“

Auf welche Neuerungen können sich WOO-Nutzer in Zukunft freuen?

Das Beste sind sicherlich die Contests und Competitions, die wir uns überlegt haben. So wird es zum Beispiel in der nächsten Saison in Kapstadt einen Contest geben, bei dem ein Preisgeld für den höchsten Sprung ausgeschrieben wird. Shops, lokale Clubs oder Gruppen von Kitern können unabhängig von uns ihre eigenen Contests abhalten.  Dabei muss es gar nicht mal um den höchsten Sprung gehen, es könnte ja auch die aufaddierte Höhe aller Sprünge sein.Wir arbeiten auch an einem Feature in der App, das es noch einfacher macht, Freunde zu einer Challenge einzuladen. Dann kannst du sagen: Lass uns heute rausgehen, derjenige die die wenigsten Sprünge macht, zahlt eine Runde. Bald wird zudem ein Menü zur Verfügung stehen, in dem man die Kitemarken, Modelle und Größen eintragen kann. Dann kann man seine Sessions beispielsweise nach Kites filtern.

Wird es weiterhin um die Höhe gehen oder kann man bald auch mit einer guten Hangtime punkten?

Wir experimentieren gerade ein wenig und überlegen beispielsweise, ob wir verschiedene Scores hinzufügen, etwa die Sprunghöhe multipliziert mit der Air-Time geteilt durch die Landing G-Force. Das heißt, wenn du relativ hoch springst, lange in der Luft bist und weich landest, bekommst du einen guten Score. In absehbarer Zukunft werden wir uns aber weiterhin auf die Höhe konzentrieren, diese Metrik an sich bietet unheimlich viel Potenzial, welches wir bei Weitem noch nicht ausgeschöpft haben.

Du warst auf der Mai Tai Konferenz, konntest du dort neue Investoren gewinnen, beispielsweise Richard Branson?

Nein, leider nicht. Er springt nicht mehr, seitdem er sich sein Kreuzband bei einem Sprung gerissen hat. Dennoch wäre es vielleicht eine gute Investition für ihn gewesen! Das Problem bei diesen Konferenzen ist: Es waren etwa 30 Leute da und man hat fast Mitleid mit Richard Branson, denn sobald er irgendwo in der Nähe ist – er schleicht sich schon meist unauffällig heran – stürmen die Leute auf ihn zu: „Hey Richard, how´s it going? Nice to meet you! Oh by the way can I show you my new idea?“ So nach dem Motto: Ich will deine Kohle haben. Dafür bin ich einfach nicht der Typ. Ich denke, das könnte sich vielleicht langfristig entwickeln, er wird sicherlich früher oder später Wind von der WOO bekommen und so könnte das vielleicht organisch wachsen. Gut Ding will Weile haben.

Habt ihr ein Patent angemeldet?

Nein, das möchten wir auch nicht. Ich sehe persönlich keinen allzu großen Nutzen darin. Zum einen ist ein Patent nie gut für eine Industrie. Für den Kiteboard-Bereich ist es viel besser, wenn auch andere in dieser Richtung etwas entwickeln könnten. Außerdem sind wir ein Start-up und deshalb natürlich immer knapp bei Kasse, da wird es schwer 30.000 oder 50.000 US Dollar für ein Patent aufzubringen. Das Geld können wir besser investieren. Selbst wenn man ein Patent hat, bringt es oft nicht viel. Angenommen eine Firma wie Nike würde beginnen, einen Kiteboarding Motion Sensor zu bauen, dann könnten wir sie zwar verklagen, aber dazu bräuchten wir erst Rechtsanwälte und das nötige Geld, und der Prozess würde sich über Jahre hinziehen. Das sind alles Dinge, die aus meiner Sicht keinen Wert erzeugen – nicht für uns, für unsere Kunden und für den Sport. Deshalb nehmen wir das Geld lieber für neue Entwicklungen, die unsere Kunden zufriedenstellen und das Produkt verbessern, und somit uns letztlich auch vor Konkurrenz schützen.

Wird es in Zukunft auch die Möglichkeit eines Live-Views geben? Dann könnte man die Sprunghöhe beispielsweise auf einer wasserdichten Uhr in Echtzeit sehen.

Darüber denken wir auf jeden Fall nach. Man könnte den Live-View beispielsweise auf einer Smartwatch integrieren, aber momentan gibt es noch nicht viele solcher Uhren, die wasserdicht sind und von den Schnittstellen her offen genug für unsere Zwecke. Die Frage ist dann: Für wie viele verschiedenen Uhren wollen wir das programmieren? Nicht jeder hat das gleiche Modell. Die andere Frage ist eher philosophischer Natur: Wollen wir wirklich, dass Kiter während der Session die ganze Zeit auf eine Uhr starren? Wir wollen den Sport auf gar keinen Fall zu sehr digitalisieren. Zudem ist es in gewisser Hinsicht auch eine Sicherheitsfrage, denn wenn deine Aufmerksamkeit woanders ist, kann schnell etwas passieren. Auf der anderen Seite sehen wir auch, dass die Leute aufgeregt an den Strand kommen und das der besondere Moment ist, in dem sie erfahren wie ihre Session war, und ob sie ihren Rekord gebrochen haben. Diesen Moment würde es dann nicht mehr geben, das fände ich schade. Momentan ist das Thema also nicht hoch auf unserer Prioritätsliste.

king of the air
Beim King of the Air war die Woo das offizielle Messgeraet.

Für den King of the Air wäre eine Live-Anzeige aber sicher interessant.

Wir arbeiten schon seit einer Weile daran, die Daten vom Rider an den Strand senden zu können. Beim King of the Air oder einer anderen Competition bräuchte man dann nur eine App fürs iPad. Über ein separates Gerät würden die Daten von der WOO des Riders zurück zum Strand gesendet werden. Dort kann das Publikum die Resultate dann live sehen, es gäbe ein Leaderboard am Strand. Für die Zuschauer wäre das sicher spannend, denn bislang läuft das noch etwas zeitverzögert ab. Beim King of the Air 2017 wird es den Live-View fürs Publikum vermutlich schon geben.

Innerhalb kurzer Zeit seid ihr sehr bekannt geworden. Was war der entscheidende Faktor für euren Erfolg?

Die Zusammenarbeit mit Red Bull beim King of the Air in 2015 war auf jeden Fall ein Glücksfall. Xensr war damals eigentlich schon das offizielle Messgerät für den Contest, doch sie mussten kurzfristig absagen, da sie die Geräte nicht liefern konnten. Dadurch kam die WOO ins Spiel, das hat uns sicherlich geholfen. Unser Erfolgsgeheimnis ist aber die kundenorientierte Firmenkultur. Wir haben ein sehr authentisches Ziel, denn wir sagen: Wir machen die Welt aktiver, wir bringen die Menschen weg von ihren Bildschirmen.

Einige Kiter würden sich vielleicht eine WOO kaufen, wenn das Gerät nicht so teuer wäre. Plant ihr ein kostengünstigeres Modell?

Wir wissen, dass das Gerät relativ teuer ist. Das Problem ist, dass wir im Herstellungsprozess noch nicht bei den Größenverhältnissen der economy of scale angekommen sind. Wir bauen noch nicht 100.000 Geräte, weshalb sie uns sehr viel mehr kosten, als möglich wäre. Deshalb haben wir sehr enge Margen. Das ist vergleichbar mit den ersten CD-Playern, sie waren anfangs sehr teuer, über die Jahre hinweg wurden sie aber günstiger. In zwei oder drei Jahren wird die WOO definitiv nicht mehr 199 US Dollar kosten. Du hast von einem elf Stunden Tag und viel harter Arbeit gesprochen.

Was treibt dich persönlich an?

Was mich antreibt ist die Möglichkeit, Dinge zum Positiven zu verändern. Vieles läuft schief in dieser Welt, sei es gesellschaftlich oder wirtschaftlich. Mein Hauptantrieb ist, meinen eigenen Weg zu gehen und Dinge zu machen, an die ich glaube und von denen ich überzeugt bin. Ich möchte die Welt positiv verändern.Wir sind jetzt noch ein Start-up, wenn die Firma aber aufgebaut ist, können wir unsere Reichweite nutzen, um Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren. Wir denken auch schon darüber nach, welche Möglichkeiten es gibt, das Gerät ökologischer herzustellen. Man könnte beispielsweise Plastik verwenden, das aus dem Ozean gezogen wird.Schon jetzt haben wir zusammen mit der Virgin Kitesurf Armada Geld mit einer einfachen Idee für den guten Zweck gesammelt: Die Sprünge aller an der Armada teilnehmenden Kiter wurden zusammengezählt und für jeden Kilometer gab ein Sponsor Geld für einen guten Zweck. Solche Aktionen könnte man viel öfter machen. Letztlich ist der Kapitalismus ist ein System das viele Vorteile, aber auch seine dunke Seiten hat. Ich hoffe, wir schaffen es, dieses System so zu nutzen, dass wir die Nachteile weitestgehend vermeiden können und auf der anderen Seite viele Dinge tun können, die die Welt für alle etwas besser machen.

6 tipps für hohe sprünge

  • Leo verwendet kleine Boards wie etwa das North Jaime Pro 2005 126 Zentimeter, um auch bei starkem Wind von mehr als 40 Knoten die Kante halten zu können. Er fährt das Board mit Boots und langen Finnen.
  • Leo fliegt normalerweise C-Kites, doch wenn es um hohe Sprünge geht, geht nichts über einen Bow-Kite, am besten überpowert.
  • Entscheidend für die Höhe des Sprungs ist es, die Kante lang genug zu halten. Dafür braucht es eine starke Bauch- und Beinmuskulatur. Leo verbringt deshalb jede Menge Zeit im Fitnessstudio.
  • Auch die Lenkung des Kites ist entscheidend. Nicht erst abspringen, wenn der Kite auf zwölf Uhr ist, sondern schon zuvor! Das reißt einen zwar richtig aus dem Wasser, aber ist es nicht das, was wir wollen?
  • Der richtige Spot kann den Unterschied machen: Leo empfiehlt entweder Flachewasser in Kombination mit starkem Wind oder einen Spot mit Sideshore-Wind und guten Wellen wie etwa Kapstadt.
  • Ausgehend von zwei gleich guten Fahrern an dem gleichen Spot, wird derjenige den höheren Sprung landen, der länger auf dem Wasser war. Einstündige Sessions sind damit auf jeden Fall zu kurz. Kurz gesagt: Wer länger durchhält, springt höher!

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